Ausgabe 3/4

Bild: Bamas
Psychische Belastungen
"Wir müssen das Thema dringend anpacken"
Das Thema psychische Belastungen bei der Arbeit gewinnt immer stärker an Bedeutung. Mehr als 59 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage gehen auf das Konto der daraus folgenden Erkrankungen, bei immer mehr Menschen führen sie zu einer Frühverrentung. Ursache dafür ist unter anderem die grundlegende Veränderung des Belastungsspektrums in der Arbeitswelt. Dieser Herausforderung muss auch der Arbeitsschutz begegnen, psychische Faktoren müssen den gleichen Stellenwert haben wie physische. Im Interview mit Chefredakteurin Dagmar Schittly erläutert die Ministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, warum das Thema so wichtig ist und welche Weichen nun – auch politisch – gestellt werden müssen.Frau Ministerin, im letzten Monat fand eine große Veranstaltung zum Thema "Psychische Gesundheit" in Berlin unter Beteiligung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern statt. Die Veranstaltung soll der Auftakt für eine ganze Reihe von Maßnahmen und Aktionen zum Thema psychische Belastungen in diesem Jahr sein. Warum haben Sie sich gerade dieses Thema auf die Fahnen geschrieben?
Die Zahlen sprechen für sich. 59 Millionen Krankheits-tage, die auf psychische Störungen zurückgehen, bedeuten einen Anstieg von über 80 Prozent seit 1997. 41 Prozent der Frühverrentungen sind heute Folge einer psychischen Erkrankung. Das ist die Ursache Nummer eins. Und die Betroffenen sind erschreckend jung: Sie gehen im Schnitt schon mit 48 Jahren aus dem Job. Das Ganze bedeutet einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden. Wir müssen das Thema also dringend anpacken.
Warum ist es auch gesellschaftlich wichtig, sich dieser Thematik anzunehmen?
Weil die Psyche für viele ein Tabuthema ist. Das Thema führt bei vielen Arbeitgebern zu Abwehrreaktionen – gar nicht aus bösem Willen, sondern oft aus Unsicherheit. Wir müssen Fragen der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt entmystifizieren. Der Schutz vor chronischem Stress, der krank macht, muss genauso selbstver-ständlich werden wie der Schutz vor Lärm, Staub oder Chemikalien. Dazu müssen wir noch mehr über Ursachen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen wissen. Und wir sollten uns vor vermeintlich einfachen und vorschnellen Lösungen hüten. Stressfaktoren liegen weder allein im Beruf noch allein im Privaten. Sie können sich überlagern, vermengen, verstärken. Deswegen geht es nur gemeinsam vorwärts: Mit der politischen Ebene mit Bund und Ländern, mit den Unfallversicherungs-trägern und natürlich den Sozialpartnern. Aber wir brauchen auch eine breite gesellschaftliche Debatte, die Offenheit für das Thema schafft.
Im Rahmen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie – GDA – haben die wichtigsten Akteure im Arbeitsschutz Ende letzten Jahres ein Leitlinienpapier verabschiedet. Es legt ein abgestimmtes Vorgehen für den Arbeitsschutz im Hinblick auf das Thema "Psychische Belastungen" fest und regelt somit die Beratung und Überwachung der Betriebe durch die zuständigen Landesbehörden und die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Er schafft einen Rahmen, den wir aber jetzt vereint füllen müssen: Wo kann man wirklich wirksame Grenzwerte festlegen? Welche Regeln machen Sinn und können sie auch überwacht werden? Wie schneiden wir die Unterstützung und Beratung speziell auf eine Branche, einen Arbeitsplatz, eine Hierarchiestufe zu? Arbeitsschutz von der Stange gibt es im Bereich der psychischen Belastungen nicht. Die Fertigungsstraße eines Maschinenbauers funktioniert nach ganz anderen Regeln als eine Intensivstation im Krankenhaus. Wir müssen lernen, was zentral geregelt und nachgehalten werden kann und wo sich Arbeitnehmer und Unterneh-mensführung besser selbst im Betrieb auf Limits und Kontrollen verständigen.

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