Ausgabe 1/2
Psychische Beschwerden
Grenzgänger
Flow-Zustände sind von besonderem Interesse für die gesetzliche Unfallversicherung: Die Beobachtungen lassen sich nutzen für die Prävention von psychischen Beschwerden, etwa durch Überlastung am Arbeitsplatz. DGUV Arbeit & Gesundheit sprach mit Marlene Hupke über Burn-out und Depressionen.Frau Dr. Hupke, wer sich sehr für seine Arbeit begeistert und viel leistet, schöpft seine Ressourcen voll aus – vielleicht sogar bis zur Erschöpfung. Ist Burn-out die andere Seite der Medaille des Flows?
Nein, grundsätzlich kann man Flow-Erleben nicht als das Gegenteil von Burn-out interpretieren. Das Gegenteil von Burn-out ist ein Zustand psychischer Stabilität und Gesundheit. Das kann Flow-Erleben beinhalten.
Wie beschreiben Sie als Psychologin einen Flow bei der Arbeit?
Flow-Erleben ist ein Zustand, in dem eine ablenkungsfreie Arbeitssituation vorliegt und der Beschäftigte das Gefühl hat, im Besitz voller Handlungskontrolle zu sein. Das heißt, er verfügt über Ressourcen wie Rollenklarheit, ausreichende Qualifikation, Zeit und so weiter.
Können dauerhafte Flows aus sich heraus zu Erschöpfungszuständen führen?
Ja, wer über einen langen Zeitraum begeistert und selbstvergessen an seinen Aufgaben arbeitet, ignoriert möglicherweise elementare Bedürfnisse wie Ernährung, Bewegung oder Schlaf.
Was kann man hinsichtlich der Ressourcen vom Flow-Erleben lernen?
Flow-Erleben ist ja nicht das zentrale Ziel der Arbeit. Vielmehr sollten die Mitarbeiter gemäß ihrer eigenen Ressourcen gefordert werden und seitens des Unternehmens klare Rollen, genügend Zeit oder auch Flexibilität bei der Ausführung von Aufgaben vorgegeben werden. Diese Ressourcen fehlen leider an vielen Arbeitsplätzen zumindest teilweise … Ganz recht – dann erhöht sich auch das Burn-out-Risiko.
Burn-out erfährt derzeit große mediale Aufmerksamkeit. Als Expertin für psychische Belastungen in der Arbeitswelt befassen Sie sich intensiv damit. Ist das Burn-out-Syndrom zu Recht in aller Munde?
Ja, denn eingeschränktes allgemeines Wohlbefinden – auch verbunden mit Fehlzeiten bei der Arbeit – zeigen starke Zusammenhänge sowohl für Burn-out als auch Depression. Es ist aber schwierig, die beiden Syndrome voneinander abzugrenzen.
Dann bitten wir um eine klare Beschreibung des Burn-out- Syndroms.
Burn-out wird vielfach als eine Folge dauerhafter Überlastung bei der Arbeit beschrieben und geht mit starker Erschöpfung, einer distanzierten Einstellung zur eigenen Arbeit und reduzierter Leistungsfähigkeit einher. Private Belastungen wie die Pflege von Angehörigen können ebenfalls eine bedeutsame Rolle spielen.
Gibt es keine einheitliche Definition?
Nein, ebenso wenig wie klare Kriterien zur Bestimmung eines Burn-out-Syndroms. Burn-out wird von der Weltgesundheitsorganisation nicht als psychische Erkrankung eingeordnet, sondern nur als ein Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst und das Gesundheitssystem belastet.
Im Gegensatz zum Burn-out ist die Depression als psychische Erkrankung anerkannt, oder?
Genau. Und es gibt klare Diagnosekriterien wie eine gedrückte Stimmung, verminderter Antrieb, ein Mangel an Freude und Interesse, Konzentrationsschwierigkeiten, starke Müdigkeit, Schlafstörungen sowie Einschränkungen im Selbstvertrauen beziehungsweise Selbstwertgefühl. Die Symptome können von Tag zu Tag schwanken, reagieren dabei aber nicht auf Veränderungen der Lebensumstände.

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