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Titelbild Ausgabe 1/2 2012

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Juli 2010

| Bild: Sprengberechtigter Eduard Reisch
© Frank Schuppelius
|

Unfallprävention

"... drei, zwei, eins, Sprengung!"

Ein Wahrzeichen des bayerischen Autobahnnetzes hat ausgedient. Die alte Haseltalbrücke an der A3 im Spessart muss einer modernen Nachfolgerin weichen. ARBEIT UND GESUNDHEIT begleitete das Sprengteam bei seiner anspruchsvollen Aufgabe.

Der erste Anblick ist überwältigend. Wir stehen auf dem östlichen Widerlager der alten Haseltalbrücke über dem Talabgrund und blicken auf ein ungewöhnliches Szenario: Aus dem Wald am gegenüberliegenden Hang windet sich die Autobahn 3 und überquert das Tal des kleinen Baches Hasel auf einer neuen Brücke mit schlanken, rund 70 Meter hohen Stahlbetonpfeilern. Direkt daneben stehen die Reste der alten Brücke, eine Reihe von fünf Doppelpfeilern mit jeweils sechs Metern Durchmesser und rund 45 Metern Höhe, bereits ohne die verbindende Fahrbahnkonstruktion, sowie der kurze Westteil, der noch ein Stück Fahrbahn trägt.

| Bild: Haseltalbrücke
Gesamtschau: links fließt der Verkehr,
rechts wird die Sprengung vorbereitet
|


Das Spessart-typische orangerote Erdreich lässt die große Baustelle am Talboden wie eine offene Wunde im dichten Wald wirken. Auf der neuen Brücke wälzt sich der Verkehr, ein endloses dumpfes Hämmern, wenn die Lkw über den Gummiübergang zwischen festem Boden und Brücke donnern. Heute Abend jedoch wird hier alles für ein paar Minuten still stehen, die östlichsten beiden Pfeiler der alten Brücke werden um 18.30 Uhr gesprengt.

„Eine Sprengung der gesamten Brücke auf einmal war wegen der neuen Brücke direkt daneben nicht möglich“, sagt Martin Beck, der Vertreter der Autobahndirektion Nordbayern, der Bauherrin. Selbst bei der jetzt gewählten Methode müssen für manche Brückenpfeiler sogenannte Fallbetten hergerichtet werden. Dafür wird Bodenmaterial an der geplanten Fallstelle aufgetragen, das den Aufprall mindern soll. An der neuen Autobahnbrücke sind Messgeräte angebracht, welche die Erschütterungen des Pfeilerfalls messen, ein bestimmter Wert darf bei den Sprengungen nicht überschritten werden. Beschädigungen an der neuen Brücke müssen unbedingt verhindert werden, sonst „können wir die A3 gleich ein paar Monate sperren“, sagt Beck.

Wir klettern die steile Böschung hinunter und beobachten die letzten Vorbereitungen. Herr des Verfahrens ist Eduard Reisch, der Geschäftsführer der Reisch Sprengtechnik GmbH. Er ist „sprengberechtigt“ nach dem Sprengstoffgesetz und ständig auf der Baustelle unterwegs. „Sprengberechtigter“ ist kein Lehrberuf, sondern eine Zusatzqualifikation, für die nach erfolgreicher Prüfung ein behördlicher Befähigungsschein erteilt wird. Reisch klettert durch eine Öffnung in den hohlen Pfeiler und prüft nochmals die korrekte Lage und Verkabelung der Zünder.

Der Sprengstoff befindet sich bereits in den Bohrlöchern der beiden Pfeiler, die heute fallen werden. Die Bohrungen sind von außen nicht mehr zu sehen. Graue Planen sollen verhindern, dass Gesteinsbrocken an den Sprengstellen zu weit wegspritzen. Ungläubig frage ich, ob denn tatsächlich diese dünnen Planen der Gewalt des Sprengstoffs widerstehen können. Michael Hick, Mitarbeiter von Reisch, klärt mich auf: „Die Bohrlöcher werden wieder mit Bauschaum verschlossen, verdämmt im Fachjargon. Die Kraft des Sprengstoffes zerstört dann im Wesentlichen nur das zu sprengende Material.“ Die Positionen dieser Bohrlöcher hat Reisch in Zusammenarbeit mit einem Sprengingenieur berechnet und angezeichnet. Die Bohrungen selbst führt eine Spezialfirma durch. Jedes der rund 70 Bohrlöcher wird mit rund 100 Gramm Sprengstoff befüllt. Eurodyn 2000, ein sogenannter „gelatinöser Sprengstoff“, zeichnet sich durch weit größere Handhabungssicherheit zum Beispiel gegenüber Dynamit aus und kommt üblicherweise bei der Sprengung von Bauwerken zum Einsatz. Erwird in Stangen, den „Patronen“, geliefert und ist gegen äußere Einwirkungen weitgehend unempfindlich: „Es besteht keinerlei Gefahr, wenn eine Patrone auf den Boden fällt“, erläutert Hick. „Selbst wenn sie mit Feuer in Kontakt kommen würde, würde nichts passieren.

| Bild: Zündmaschine
Auf der Zielgeraden:
Eduard Reisch schließt die
Zündmaschine an
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Gezündet wird elektrisch. „Die Schaltung funktioniert wie bei einer Lichterkette für den Weihnachtsbaum. Dort sind alle Glühbirnen in Reihe geschaltet, der Strom fließt durch eine einzige Leitung und muss durch jede Glühbirne hindurch. Auch hier hängen alle Zünder an einer Leitung“, erklärt Hick. Zwei dünne grüne Drähte führen aus dem Sockel des Pfeilers und sind an ein Messgerät mit Digitaldisplay angeschlossen, das beinahe achtlos in seiner abgewetzten Ledertasche auf dem schlammigen Erdreich liegt.

Das Gerät, ein sogenannter „Zündkreisprüfer“, ist äußerst wichtig für den korrekten Ablauf, es misst den elektrischen Widerstand in der Leitung. An den Werten erkennen die Fachleute, ob alle Zünder angeschlossen sind. „Wir wissen zum einen, wie viele Zünder im Bauwerk stecken, zum anderen kennen wir den Widerstandswert der einzelnen Zünder, daraus ergibt sich ein Sollwert, den wir am Messgerät überprüfen können“, erläutert Hick. „Wenn der Wert zu stark abweicht, wissen wir, dass an einem Zünder etwas nicht stimmt.“

| Bild: Teambesprechung
Im Baucontainer: Das Team spricht sich ein letztes Mal ab
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Nahezu jeder Sprengberechtigte hat in seiner Karriere
die ein oder andere „Leiche im Keller“ abgelegt – Vorfälle, über die er nicht so gerne spricht. Bei Eduard Reisch sind es nur sehr wenige. So kam 2003 ein Schornstein eines Heizkraftwerkes in München nicht dort zu liegen, wo er sollte, sondern zog die Fassade des Kraftwerks in Mitleidenschaft. „Man ist nie ganz sicher vor Überraschungen. Man kann in den Beton ja nicht hineinschauen. Materialermüdung oder Ähnliches kann dazu führen, dass sich eine Sprengung während des Fallens noch verändert“, erzählt Reisch. Ein weiterer, eher skurriler Vorfall aus dem Jahr 1995 ist vielen Menschen nicht nur südwestlich von München noch heute in Erinnerung: Auf einem Feld nahe dem Kloster Andechs gab es einen gewaltigen Knall, ein Polizeihubschrauber entdeckte einen großen Krater und kurz darauf ging die Meldung eines Meteoriteneinschlages durch die Presse. Dabei hatte doch Reisch im Auftrag eines Jagdpächters nur eine Biotopsprengung durchgeführt, um einen Teich anzulegen. Die Sprengmeldung des zuständigen Landratsamtes war nicht rechtzeitig bei der Polizei eingegangen, so dass diese sich den Krater nur mit einem zugeflogenen Himmelskörper erklären konnte. Seitdem hat Reisch einen Spitznamen: „Krater-Edi“. Der Vorfall zeigt, dass Informationen im Vorfeld einer Sprengung präzise und schnell zwischen vielen beteiligten Institutionen ausgetauscht werden müssen. Weniger um Presseenten zu vermeiden als vielmehr um die Gefährdung Dritter auszuschließen.

>> zum Video der Sprengung
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