Arbeitsschutz als globale Aufgabe im Konzern Lanxess: viele verschiedene Standorte, viele verschiedene Tätigkeiten, viele verschiedene Kulturen. Wuxi, China: Im Research and Development Testing Center prüft ein Mitarbeiter mechanische, physikalische und rheologische Kriterien von Kunststoffen.
Ausgabe 7/8 2012
Globalisierung

Arbeitsschutz weltweit

von Angela Krüger (Universum Verlag), Fotos: Lanxess

Im Zuge der Globalisierung kommt dem internationalen Arbeitsschutz eine immer größere Bedeutung zu. Viele deutsche Unternehmen expandieren ins Ausland und setzen ihre Mitarbeiter vor Ort ein. Aber wie verhält es sich dabei mit dem Unfallschutz?

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation sterben weltweit jedes Jahr 2,3 Millionen Menschen bei Arbeitsunfällen oder durch berufsbedingte Erkrankungen - an jedem Werktag sind das durchschnittlich 6.300 Menschen. Deutschland steht mit jährlich 519 Toten durch Arbeitsunfälle sowie knapp 2.500 infolge einer Berufskrankheit im globalen Vergleich gut da.
Helmut Ehnes, Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) gibt dennoch zu bedenken: "Die Tendenz der Arbeitsunfälle ist hierzulande erstmals wieder steigend. Kein Grund zu eitel Freude also, sondern vielmehr zum Nachdenken darüber, was wir tun können, um für mehr Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt zu sorgen – in Deutschland, aber auch weltweit." Er fordert eine globale Präventionskultur. Entscheidend ist, dass Sicherheitsstandards länderübergreifend eingeführt werden. Das Ziel: Die Unterschiede in den Präventionskulturen verschiedener Länder langfristig zu harmonieren.
Da müssen hohe Sicherheitsstandards in allen Werken zur Anwendung kommen – ob in Deutschland, der USA oder in China. Dass sich das lohnt, zeigt ein aktueller Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit von 31 Industrie- und Entwicklungsländern: Eine niedrige Zahl von tödlichen Arbeitsunfällen geht mit hoher Wettbewerbsfähigkeit einher. "Es steht uns in Deutschland also gut an, in Sachen Arbeitsschutz global zu denken und zu handeln", sagt Ehnes. "Dabei geht es aber nicht nur darum, 'Entwicklungshilfe' in Ländern zu leisten, deren Arbeitsschutzniveau niedriger liegt. Es geht immer auch darum, für deutsche Unternehmen Chancen im internationalen Wettbewerb zu nutzen, die uns unser Knowhow bietet." Nationale und internationale Vorschriften einzuhalten, ist nur ein Teil der vielfältigen Aufgaben im Arbeitsschutz.
Arbeitsschutz weltweit
Antwerpen-Kallo, Belgien: Ein Mitarbeiter in Hitzeschutzbekleidung überprüft einen Ofen der Glasfaserproduktion, in dem bei 1000 °C Glas geschmolzen wird. Das Produkt dient zur Herstellung des Kunststoffs Durethan.
Viele international tätige Unternehmen haben sich über einheitliche Standards verständigt. So zum Beispiel der Chemiekonzern BASF, der sich für Sicherheit an all seinen Standorten einsetzt: Um das Sicherheitsbewusstsein zu fördern und Gefahren zu minimieren hat das Unternehmen 2008 eine weltweite Sicherheitsinitiative gestartet. Die Führungsmannschaft erarbeitete unter dem Motto "Geh voran" im Oktober 2010 am Standort Ludwigshafen Rahmenbedingungen um Sicherheit im Unternehmen zu verankern. Im Herbst 2010 eröffnete BASF das "Sichermacher-Trainingszentrum" am Standort Ludwigshafen. Es bietet eine Plattform für Sicherheitsunterweisungen mit großem Praxisbezug. Hier können Mitarbeiter von- und miteinander lernen. Es werden interaktive und praxisorientierte Module angeboten, die mit Experten der Arbeitssicherheit gestaltet wurden und aus denen ein individuelles Qualifizierungskonzept zusammengestellt werden kann. Seit der Eröffnung des Sichermacher-Trainingszentrums wurden dort bereits mehr als 10.000 Mitarbeiter aus Produktion, Technik, Büro und Labor in praxisnahen Sicherheitsunterweisungen, Trainings und Ausstellungen rund um die Arbeitssicherheit geschult.
Die weltweite Sicherheitsinitiative wird in Asien, in Südamerika, in Nordamerika und in Europa umgesetzt. Die asiatische "C.A.R.E.-Initiative" wurde beispielsweise im Mai 2010 in Indien erstmals auf Büroarbeitsplätze ausgeweitet. Der Schwerpunkt "Sicherheit im Büro" verdeutlichte den Teilnehmern die eigene Rolle beim Schutz vor Gefahren der täglichen Arbeit insbesondere durch Rutsch-, Stolper- und Sturzgefahren. In Südamerika führte BASF als Teil der Sicherheitsinitiative "Cultura de Segurança" Ende 2009 ein elektronisches Werkzeug ein. Das so genannte "Safety Culture E-learning" ist ein Instrument, um das Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiter zu stärken. Bis Ende 2010 führten bereits mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter dieses elektronische Lernprogramm erfolgreich durch.

Fotogalerie

  • Filago, Italien: Ein Mitarbeiter am Dissolver, wo Produkte wie anorganische und synthetische Gerbstoffe, Konservierungs- und Fettungsmittel, Farbstoffe und Pigmente sowie Gerberei- und Zurichthilfsmittel für die Lederindustrie gemischt werden.
  • Krefeld, Deutschland: Die erstarrten Kunststoffstränge werden in der Durethanproduktion zu Granulat verarbeitet.
  • La Wantzenau, Frankreich: Ein Mitarbeiter in der Produktion von Emulsions-Kautschuk.
  • Port Jérôme, Frankreich: Ein Mitarbeiter kontrolliert das Ventil der Abluftreinigungsanlage, wo flüchtige Kohlenwasserstoffe aus der Abluft abgeschieden werden.
  • Standort Merebank, Südafrika. Eine Mitarbeiterin im Labor prüft die Produktqualität im Zuge der Qualitätssicherung.
Auch das Chemieunternehmen Lanxess fordert die Einhaltung der Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltrichtlinien an allen Standorten weltweit - und setzt dabei global auf einheitliche Sicherheitsstandards. "Wir orientieren uns dabei an der lokalen Gesetzgebung, vielfach gehen die Standards aber deutlich darüber hinaus", sagt Ilona Kawan von der Unternehmenskommunikation des Chemiekonzerns. Dass diese Standards auch vor Ort eingehalten werden und wirksam sind, wird regelmäßig überprüft. Die Basis dafür stellen die weltweit verbindlichen HSE-Richtlinien (Health, Safety and Environment, also Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz) dar. Darüber hinaus hat Lanxess das globale Sicherheitsprogramm "Xact" eingeführt. Der Vorstandsvorsitzende Axel C. Heitmann betont: "Die chemische Industrie gehört traditionell zu den sichersten Branchen in der Industrie. Trotzdem müssen wir uns alle aktiv einsetzen, um jegliche Ereignisse zu vermeiden und auch auf Beinahe-Unfälle sofort zu reagieren."

Ziel des Programms ist es, die Arbeits-, Verfahrens- und Anlagensicherheit sowie den Schutz von Umwelt und Gesundheit systematisch und nachhaltig zu erhöhen. Der Anspruch für alle Bereiche lautet: "Null Ereignisse". Weltweit. Von September 2011 bis Ende Februar 2012 hat das Xact-Team weltweit 22 Pilotbetriebe untersucht. Dadurch hat der Konzern wichtige Erkenntnisse über die Stärken und Schwächen der Pilotbetriebe gewonnen, die exemplarisch für Lanxess sind. Bemerkenswert: Die Art der Befunde war grundsätzlich weltweit sehr ähnlich.
Auch die Firma Schott produziert weltweit: Das Unternehmen hat über 50 Standorte in Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in Asien. "Als Spezialglasunternehmen haben wir als häufigsten Unfallschwerpunkt natürlich die Handhabung von Glas, aber auch die kontinuierliche Schmelze, Montageprozesse oder Beschichtungen und Bedruckungen stellen für die Arbeitssicherheit relevante Prozesse dar", erklärt Dr. Michaela Krenzer von Corporate Environmental Health and Safety. "Unsere Fertigungsprozesse sind sehr unterschiedlich und müssen verschiedenste Anforderungen erfüllen. Dies wirkt sich selbstverständlich auch auf die Anforderungen bezüglich Arbeitsschutz in unseren Unternehme aus." Um diesen unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden, hat sich Schott schon früh entschlossen, internationale Standards für Arbeitssicherheit und Umweltschutz weltweit umzusetzen: 1995 entstand die erste konzernweite Leitlinie, das "Integrierte Managementsystem für Sicherheit und Umwelt".

"Damit stellen wir sicher, dass gegebenenfalls höhere Nationale Standards sicher umgesetzt werden können, jedoch auch eine Minimalanforderungen - basierend auf dem europäischen Arbeitsschutz - vorhanden ist", ergänzt Krenzer. 2007 wurden zusätzlich weltweite Standards eingeführt: Dazu gehört die Verpflichtung regelmäßig Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen sowie die Ausbildung von Ersthelfern, Evakuierungshelfern und regelmäßige Unterweisungen. Auch eine Verbotsliste für bestimmte Gefahrstoffe in bestimmten Prozessen und die Durchführung von Vorsorgeuntersuchungen bei gefährlichen Tätigkeiten sind Bestandteil. 2010 wurde die Leitlinie erneuert und aktualisiert. Sie umfasst nun neben den Anforderungen, dass jedes produzierende Unternehmen vonSchott ein "Integriertes Managementsystem für Sicherheit und Umwelt" aufzubauen hat, das intern durch den Konzern mittels eines Audits bestätigt wird, die Anforderungen aus der OHSAS 18001, ISO 14001, ISO 50001 sowie zahlreiche Anforderungen aus dem Brandschutz, der Security und der Notfallvorsorge.
Arbeitsschutz weltweit
Dormagen, Deutschland: Der öl-, ozon- und alterungsresistente sowie schwer entflammbare Spezialkautschuk Levapren wird zum Beispiel im Motorraum von Fahrzeugen in Kabelisolierungen, Schläuchen, Dichtungen, Riemen und weiteren Gummiteilen eingesetzt. Die Mitarbeiter machen Probenkontrollen am Schwingsieb.

"Unser Konzept basiert auf den europäischen Anforderungen an einen wirksamen Arbeitsschutz und ist wie eine Pyramide aufgebaut. Der Konzern gibt die Grundsätze vor, die Business Units konkretisieren diese Anforderungen für ihre speziellen Prozesse und die Produktionsstätten übersetzen diese für ihre lokalen Anforderungen", erläutert Krenzer. "Auf diese Weise können auch lokale, kulturelle Unterschiede berücksichtigt werden." Zur Kommunikation wird ein Netzwerk aus Konzernbeauftragten, Business Units Beauftragten und lokalen Experten genutzt. Zur Unterstützung gibt es für Fachthemen noch globale Ansprechpartner sowie Regional Manager, die dafür sorgen, dass auch räumlich ein enges Netzwerk entstehen kann.

Das Arbeitsschutz-Programm "Null Unfälle" wurde ebenfalls weltweit ausgerollt.
Ein Baustein dabei: Die vergleichbare Erfassung von Unfällen, ihren Ursachen und den abgeleiteten Maßnahmen. Neben der rein statistischen weltweiten Erfassung war Schott das erste Unternehmen, das gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine europäische Betriebsvereinbarung zum Null Unfall Programm geschlossen hat. Die Vereinbarung wurde dann freiwillig auch weltweit angewendet. Hier werden die Vorgehensweisen bei Unfällen weltweit festgelegt. "Dies führt dazu, dass wir weltweit Arbeitssicherheitskommissionen haben, in denen Mitarbeiter und Unternehmer gemeinsam Unfälle analysieren und Maßnahmen zur Abstellung umsetzen", sagt Krenzer. Entscheidend sei, dass weltweit alle Unfälle in einer standardisierten Form kommuniziert werden, so dass weltweit alle auch die Möglichkeit haben aus den Vorkommnissen für ihre Unternehmen zu lernen. Darüber hinaus analysieren Experten die Unfälle und schlagen systematische Verbesserungen und präventive Maßnahmen entweder Schott weit oder aber Business Unit weit vor. Das Unfallgeschehen ist Teil jeder Besprechung und wird für jeden sichtbar am Tor kommuniziert und regelmäßig im obersten Management thematisiert. Die Vermittlung unserer Werte ist uns wichtig und wir investieren in Qualifizierung und Austausch auf nationalem, internationalem und interkulturellem Niveau.

Verständlich unterweisen – aber wie?

Für den Erfolg der Prävention ist die Sprachbarriere die höchste Hürde. Klassische Instrumente der Prävention können nicht greifen, wenn die Inhalte aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht oder unzureichend verstanden bzw. nicht gelesen werden können. Die relevanten Vorschriften für die Prävention tragen diesem Umstand Rechnung: Die Unfallverhütungsvorschrift "Grundsätze der Prävention" fordert in § 4 (Unterweisung der Versicherten), dass der Unternehmer die Versicherten über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit, insbesondere über die mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdungen und die Maßnahmen zu ihrer Verhütung unterweist und die relevanten Inhalte der geltenden Unfallverhütungsvorschriften und BG-Regeln sowie des einschlägigen staatlichen Vorschriften- und Regelwerks in verständlicher Weise vermittelt. Um die Unternehmen bei der Umsetzung dieser wichtigen Pflicht zu unterstützen, bieten Berufsgenossenschaften verschiedene mehrsprachige bzw. sprachneutrale Medien an, zum Beispiel Musterbetriebsanweisungen. Sie sind neben den deutschen Fassungen auch in Englisch, Polnisch, Russisch und Türkisch verfügbar. Ebenfalls helfen mehrsprachige Unterweisungsmedien bei der Unterweisung. Auch Merkblätter wurden mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt. Zudem sind die in einer europäischen Gemeinschaftsaktion unter Beteiligung der Berufsgenossenschaften entwickelten Filme der "Napo"-Reihe hervorragende Hilfsmittel, die ohne Sprache auskommen und universell einsetzbar sind. Unter www.napofilm.net stehen viele verschiedene Themen zur Verfügung.